Der Anruf kam am 15. Juli, genau einen Tag bevor Udo Folgart in den Urlaub nach Island flog. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck war am Telefon. Er wollte wissen, ob der Landwirt sich vorstellen könne, dem Kompetenzteam von SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier beizutreten. "Ich weiß das Datum deshalb so genau, weil ich plötzlich ein ganz neues Thema hatte, das ich mit meiner Frau auf dem Flug bereden konnte", sagt Folgart. Als kurz darauf auch Steinmeier persönlich anrief, willigte er ein. "Ich wurde gebeten, also habe ich es gemacht."
Folgart steht seit 2003 an der Spitze des Landesbauernverbands Brandenburg und ist seit drei Jahren Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands. Dort befasst sich der 53-Jährige in erster Linie mit der Milchwirtschaft. Doch er kennt nicht nur die Verbandsarbeit. Auch der Politikbetrieb ist ihm vertraut. 2004 wurde er für die SPD in den Landtag gewählt, Mitglied der Partei ist er aber nicht. Seine Ernennung zum Agrarexperten in Steinmeiers Wahlkampfteam kam überraschend, nicht nur für Folgart selbst. Auch bei einigen Landwirten stößt sie auf Verwunderung. Der Bauernvertreter sei "für eine weitere Liberalisierung und Industrialisierung des Agrarbereichs", kritisierte der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft und wirft die Frage auf: "Für welche Agrarpolitik steht die SPD?" Folgart sieht die Dinge nüchtern. Für romantisierende Betrachtungen hat er nichts übrig. "Ich bin kein Verfechter der Groß-und-Klein-Diskussion", sagt er. Auch in 20 Jahren werde es große durchrationalisierte Betriebe geben, genauso wie kleine idyllische Höfe. "Schon allein deshalb, weil der Tourismus und die Städter aus München, Stuttgart und Berlin das so wollen", sagt Folgart. "Der Bauer setzt doch nach wie vor den einen oder anderen sehr hübschen Farbtupfer in der Landschaft." Andererseits dürfe man aber die Agrarwirtschaft nicht darauf reduzieren. "Es geht nicht nur darum, einen Rückzugsraum für stressgeplagte Menschen zu schaffen." Zusammen mit der Forstwirtschaft und dem Gartenbau sichere die Landwirtschaft wichtige Arbeitsplätze in den Dörfern. "Sie ist für mich das Herzstück des ländlichen Raums und gibt den jungen Menschen dort eine Perspektive."
Nach dem Studium der Agrarwissenschaften an der Universität Rostock hatte Folgart einige Jahre bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Paaren gearbeitet. Mittlerweile ist er geschäftsführender Gesellschafter der Agro-Glien GmbH, dem Nachfolgebetrieb der LPG. Sie hat 220 Milchkühe und bewirtschaftet rund 1200 Hektar landwirtschaftlicher Fläche.
287 622 Euro an EU-Geld kassierte die Agro-Glien GmbH im vergangenen Jahr. Hinzu kamen 173 961 Euro für die Potsdamer Biohofgesellschaft, eine 50-prozentige Tochter der GmbH. Das sei kein Geschenk, sondern Ausgleich dafür, dass die Vorschriften zum Düngerecht, zum Pflanzenschutz oder auch zur Wasserrahmenrichtlinie eingehalten würden, sagt Folgart. "Der Markt allein bringt es nun einmal nicht. Die Subventionen sind nötig, und sie werden es auch immer bleiben."
Daniela Kuhr, Süddeutsche Zeitung vom 10. August